Sex und HIV
Shownotes
"Dass man nach vorne steht und sich getraut, über dieses Thema zu sprechen. Es gibt immer noch so viele Leute, die sich nicht getrauen".
Infos zu HIV: https://aids.ch https://www.ahbe.ch/de/home.html
Zu HIV und Kinderwunsch: https://shop.aids.ch/img/A~1671~1/10/1671-01-famil-planni.pdf?xet=1702372530273
Zu Dr. Gay: https://drgay.ch https://www.instagram.com/drgay_official/
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Sex und HIV
I: Das ist Körperkontakt. Ein Podcast über Sex und Sexualität. Ich bin Medea und in der heutigen Folge rede ich mit Werner über Sexualität und HIV. Ich wusste schon lange, dass ich für diesen Podcast Gespräche über verschiedene Geschlechtskrankheiten führen möchte und habe mich darum an die Aids-Hilfe Bern gewandt. Werner arbeitet bei der AIDS-Hilfe Bern und ist selbst von HIV betroffen. Ich habe ihn in seinem Büro in Bern besucht und wir haben gleich drauf losgeredet. #00:00:48
I: Was kommt dir als erstes in den Sinn, wenn du an Sexualität denkst? #00:00:52
B: Ehm, also Sexualität ist ja eigentlich von der Pubertät an etwas, was mich mein Leben lang begleitet hat. Also eigentlich immer ein grosses Thema war für mich selbst. Weil ja dadurch, dass ich ja zuerst für mich herausfinden musste, meine Sexualität herausfinden musste, dass ich schwul bin und dass ich anders bin als alle anderen, war das schon immer auch ein grösseres Thema. Vielleicht auch zu etwas zu stehen und wo andere ausgegrenzt werden. Das finde ich ist ja das macht halt viel aus, dass man da halt auch ein bisschen mehr an Sexualität denkt, als andere Leute das vielleicht machen. #00:01:37
I: Werner spricht im Interview von STIs, das sind Geschlechtskrankheiten. Berühmte Beispiele sind Chlamydien, Gonorrhoe (auch «Tripper» genannt), Syphilis und eben der HIV-Virus. Eine genauere Erklärung dazu hört ihr später im Interview. Am Anfang spricht Werner von der IV, die er bezogen hat. Da nicht alle wissen, was das ist, erkläre ich es schnell. Die Invalidenversicherung, kurz IV ist ein Teil des Sozialsystems in der Schweiz. Sie wurde eingerichtet, um Leuten zu helfen, die aufgrund einer Erkrankung oder einer Einschränkung nicht mehr erwerbstätig sind, also nicht mehr arbeiten können. #00:02:23
I: Kannst du mir deinen Beruf erklären? #00:02:26
B: Jawohl, ich bin letztamtierender Mr. Leather Switzerland, das ist eigentlich so ein Hobby. Das ist in der Fetischszene, in der queeren Community, wo man eine Wahl durchführt und dann, wenn man auf Leder steht, dort mitmacht. Das ist nicht ein Schönheitswettbewerb in dem Sinn. Es ist eher, dass man dort mitmacht und dann auch etwas für die Community mach, wieder. Und dann geht man auch, reist herum, geht von einer Wahl zur nächsten und unterstützt die anderen bei den Wahlen und macht dann eben so, wie ich das vorhin schon gesagt habe, etwas für die Community. Das ist dann eigentlich ein Teil von mir, den ich, und in dieser Zeit habe ich auch angefangen, für die AIDS-Hilfe zu arbeiten. Ich hatte davor IV und bekam dann eine Herabstufung der IV und habe überlegt, ich muss wieder etwas machen. Und hab auch schon davor während der IV Sachen gemacht, soziale Sachen. Und dann habe ich den Job bei der AIDS-Hilfe bekommen und dann hatte ich das Gefühl, doch das ist eine gute Sache. Ich habe dann auch mit der AIDS-Hilfe darüber geredet und habe dann auch gesagt, ich möchte ein bisschen das alles etwas vermischen. Ich bin jetzt zum Beispiel in der Outreach-Work in Klubs gegangen, so. Wenn ich Präventionsarbeiten mache, Kondome verteile, über save Sex spreche oder über die Medikation, die wir heute haben und über PREP zu sprechen oder so. Dann vermische ich das eigentlich, mit meinem Titel und dann bin ich immer in Leder unterwegs, ja. Ich hab danach, es wurde dann immer grösser eigentlich. Ich bin jetzt schon bei drei Projekten der AIDS-Hilfe dabei. in Bern. Eines davon ist Peer-to-Peer. Ich betreue neuinfizierte HIV positive, betreue ich mental. vielleicht mal zusammen ein Café trinken, oder so. Dann gehen wir auch im Rahmen der Sexualaufklärung, gehen wir auch in Schulklassen und reden über Prävention, über save Sex und, da bin ich meistens in den Schulklassen und rede eigentlich über mein Leben, als HIV positiver selbst. #00:04:34
I: Das stelle ich mir, also ich weiss auch nicht, jugendliche sind ja manchmal, haben manchmal ein Horrorbild davon und manchmal haben sie vielleicht schon eine Ahnung oder verstehen gar nicht, was das ist. Das ist sicher auch sehr spannend. #00:04:46
B: Genau. Die meisten, die, ja die haben wirklich keine Ahnung und haben natürlich dadurch auch etwas Vorurteile und dann finde ich es sehr wichtig, dass man eben gerade das Wissen vermittelt. Weil das geht mir auch so, wenn ich von Etwas keine Ahnung habe, und dann baue ich manchmal vielleicht auch indirekt oder unbewusst Vorurteile auf. Und die sind einfach, ja. Und dann ja, reagiert man falsch, gegenüber diesen Persönlichkeiten und verletzt sie vielleicht indirekt oder unbewusst und das finde ich sehr schade. Darum finde ich es sehr wichtig, dass man, einfach, ja, immer informiert. #00:05:22
I: Wie hat sich deine Sexualität verändert oder entwickelt in deinem Leben? #00:05:38
B: Das war die Pubertät natürlich. So wie ich vorher gesagt habe, man muss dazu stehen und dann ist auch schon 1987, als ich mich infiziert habe, mit dem HIV Virus. Hatte ich natürlich, irgendwo auch, ja Angst, natürlich auch mit Leuten Sex zu machen. Ich habe mich dann auch fast nicht mehr getraut. Und am Anfang konnte man ja auch fast nicht mehr darüber sprechen, weil man eben gleich sofort ausgestossen wurde. Und ich hatte dann einfach ein Schlüsselerlebnis, dass derjenige, der mich angesteckt hatte, das selbst wusste, im Vorfeld und einfach unsafer Sex machen wollte. Und ich habe mich dann für mich entschieden, dass ich niemals in diese Situation hineinkommen möchte, dass ich niemals jemanden anstecken möchte, mit meinem Virus. Dann habe ich einfach, wirklich mit den Leuten von Anfang an darüber zu sprechen. Und das ist, glaube ich auch da A und O überhaupt in der Sexualität mit den Leuten von Anfang an schon ganz offen darüber sprechen zu können und nicht irgendwie etwas zu verstecken oder zu verheimlichen. Das führt natürlich dann dazu, dass man sehr offen darüber reden kann. #00:06:54
I: Welche Vorteile hast du in Bezug auf deine Sexualität? #00:07:03
B: Eben gerade weil ich darüber reden kann, kann ich natürlich auch meine Bedürfnisse so offenbaren und kann natürlich dadurch viele Partner, wenn der entsprechend auch offener ist, kann man sehr weit gehen. Dann kann man natürlich Sachen neu entdecken, die man ansonsten nicht zusammen machen würde. #00:07:26
I: Wie präsent ist das Thema Sexualität in deinem Umfeld? #00:07:31
B: Es ist ja ein Teil meines Jobs, eigentlich. Dort geht es ja auch um Sexualität. Dort geht es ja auch um sexuelle Gesundheit und ja, es gibt eigentlich keinen Tag, an dem man nicht darüber spricht. Weil, eben, da hab ich mal ein Interview oder bin draussen in den Klubs und dann kennen mich die Leute und redet man sowieso über Sexualität im Allgemeinen immer. Also es ist ein Thema, ja, ich kann das eigentlich gar nicht mehr mir vorstellen ohne die Sexualität, jeden Tag, die ist einfach immer da, konstant. #00:08:07
I: Begriffe, HIV, AIDS, kannst du mir diese noch erklären? #00:08:23
B: Genau eh, ich habe vorhin fast selbst noch gestottert, weil Aids ist eigentlich wirklich die Folgekrankheit und eigentlich das Endstadium einer Krankheit. Wenn man sich mit dem HIV Virus infiziert, dann greift das natürlich das Immunsystem an und das Immunsystem versucht, mit allen Möglichkeiten, diesen Virus in Schach zu halten. Und irgendwann ist der Virus einfach zu stark, so dass dann das Immunsystem zusammenfällt und wenn das Immunsystem zusammenfällt, dann spricht man eigentlich, dann auch von Aids. Und Aids ist eigentlich nicht die Krankheit, die das Virus verursacht, sondern es sind dann einfach die Folgekrankheiten. Das kann eine Lungenentzündung sein, das kann ein Hirntumor sein oder was auch immer. Zum Beispiel sehr viel auch Hepatitis was dann einfach dazu führt, einfach auch zum Tod führt, weil das Immunsystem, einfach nicht mehr abwehren kann. #00:09:23
I: Ich habe vorhin noch schnell gegoogelt. Man kann den HIV Virus einerseits über Kontakt mit Sperma, also Oralsex, Analsex und vaginaler Sex übertragt bekommen. #00:09:35
B: Genau, und über Bluttransfusionen. #00:09:37
I: Ja. Ah und über die Muttermilch. #00:09:40
B: Ah, das über die Muttermilch, das habe ich gar nicht gewusst. #00:09:45
I: Oder bei der Geburt. Da bin ich mir gerade nicht mehr so sicher. #00:09:47
B: Ich weiss einfach zum Beispiel, ich habe auch eine Kollegin, die HIV positiv ist, und sie hat einen Sohn, den sie dann auch geboren hat. Und ich glaube, man macht, in den meisten Fällen einen Kaiserschnitt, damit es nicht während der Geburt irgendwie Blutkontakt gibt, mit dem Kind und der Mutter. Weil das Kind hat ja ein eigenes Blutsystem, also kann es sich eigentlich im Mutterleib nicht anstecken. #00:10:15
I: Ich hab es nochmal gegoogelt:
Das Risiko der Infektion eines Kindes durch eine HIV infizierte Mutter während der Schwangerschaft, also in der Gebärmutter, wird auf 7 % geschätzt. Kurz vor oder während der Geburt wird das Kind mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 18 % angesteckt. Doch auch beim Stillen erfolgt eine Übertragung des HI-Virus in etwa 15 % der Fälle. Da in der Muttermilch HIV positiver Frauen das HI-Virus nachweisbar ist und der Anteil der viralen Übertragung auf den Säugling bei 7 bis 22 % liegt, sollten HIV positive Mütter nicht stillen. Die Quelle dazu findet ihr in den Shownotes. #00: 10:58
I: Und was mache ich, wenn ich das Gefühl habe, ich habe mich mit HIV angesteckt. #00:11:04
B: Ja, dann, also. Es gibt natürlich einfach die Möglichkeit, du bist am Rummachen mit jemandem. Du hast ein Kondom. Das Kondom platzt. Und wirklich, es stellt sich heraus, einer von beiden, man redet vielleicht darüber. Von diesen beiden, die Sex haben, ist einer HIV positiv. Jetzt, es gibt heute Medikamente wie bei Frauen die Pille danach im Prinzip. Wo man sehr schnell, dann eigentlich auf die nächste Notfallstation geht, dieses Thema schildert und dann bekommt man die Medikation, die auch die HIV positiven nehmen, eigentlich als Therapie. Die kann man dann als Pep nehmen. Und dann ist die Chance eigentlich, wenn man es innerhalb von 72 Stunden macht, ist die Chance relativ gering, dass man sich anstecken kann. Das ist eigentlich der Schutz, den man heute hat. Eben wenn jetzt ein Unfall passiert oder so. Oder man hat vielleicht zu viel getrunken, was auch immer und macht dann vielleicht Sachen, die man sonst nicht machen würde, und dementsprechend hat man wirklich die Möglichkeit im Nachhinein noch, wenn man schnell reagiert, dass man sich doch noch schützen kann. #00:12:04
I: Wenn ich aber, wenn ich selbst HIV habe, den Virus schon in mir trage und ich möchte aber trotzdem ungeschützter Sex mit anderen Personen haben, gibt es da auch ein Medikament? #00:12:30
B: Also es ist so, wenn du. Früher, wenn man HIV-positiv war, hat man sehr lang gewartet mit der Therapie. Und wenn, dann einfach die CD4-Helferzelle, das hat man so einen Wert, der sagt, wie stark das Immunsystem noch ist. Und wenn das irgendwie bei unter 200 war, ganz so in den 80 ger Jahren, hat man angefangen mit der Therapie. Und dann irgendwann hat man gesagt, wenn es unter 500 ist, dann fängt man an mit der Therapie. Also hat eigentlich schon früher angefangen. Und heute beginnt man von Anfang an, wenn man weiss, dass man HIV positiv ist, beginnt man schon mit der Therapie. Damit diese Werte gar nicht runtergehen. Wir reden da auch von undetectable und unter der Nachweisgrenze. Also wenn wir therapiert sind, dann ist der Virus gar nicht mehr aktiv. Und diese Aktivität kann man auch nachweisen im Blut. Dann sagt man ab einem gewissen Level, ist er nicht mehr aktiv und dann kann man auch niemanden mehr anstecken. Also wenn man HIV positiv ist und unter der Nachweisgrenze, kann man theoretisch mit jemandem ungeschütztem Geschlechtsverkehr haben und kann den nicht anstecken. Genau das gleiche gibt es auch, das ist PrEP. Man kann heute auch, ein HIV Negativer kann heute im Prinzip genau die Medikamente nehmen, die wir auch nehmen und kann sich wirklich zu 99 % nicht mehr anstecken. Eigentlich auch eine Präventionsmöglichkeit, zusätzlich, die man heute hat. #00:13:55
I: Das ist wahrscheinlich in den letzten, was sind das wohl, 20 Jahren. #00:14:09
B: Das PrEP ist, glaube ich, erst so in den letzten 10 Jahren aufgekommen. Weil, das weiss man eigentlich auch noch nicht so lange, dass, wenn man eben Therapie macht und undetectable ist, unter der Nachweisgrenze, dass man dann niemanden mehr anstecken kann. Weil ich hatte zum Beispiel ganz früher, als ich mit der Therapie angefangen habe, machte ich immer nur so lange die Therapie, bis der Virus in Schacht war. Also im Ruhezustand. Und danach habe ich gestoppt. Dann ist der Virus wieder explodiert. Eigentlich völlig falsch, oder. Und danach fing ich wieder mit der Therapie an und dann hat man wieder diese Zeit, in der man ansteckend ist. Genau also er eigentlich A sehr wichtig, nicht nur für Leute, die in unserer Community sind es eigentlich für alle Leute sehr wichtig, den eigenen Status zu wissen. Und wir haben so viele Möglichkeiten, wo man sich testen lassen kann. Und ich würde jedem Menschen empfehlen, das er auch seinen Status weiss. Weil ich sage, ich gehe in Schulklassen eben, erzähle dort über mein Leben mit HIV und ich erzähle auch dort, wir müssen eigentlich nicht mehr Angst haben vor Menschen, die HIV positiv sind, denn die sind ja meistens auch therapiert und meistens nicht mehr anstecken. Wir müssen eigentlich in unserer Gesellschaft nur noch Angst haben vor denen, die ihren Status nicht kennen. Weil die laufen im Prinzip mit einer geladenen, mit einer vollen Bombe herum und wissen das selbst gar nicht. Und dort kann man ja am meisten auch erreichen. Wir haben ja unsere 95, 95, 95 Strategie, das ist, dass wir bis 2030 eigentlich auch HIV Aids beenden werden. Ist natürlich, es wird auch dann immer noch Leute geben, die mit HIV leben. Die können wir nicht eliminieren und die wollen wir nicht eliminieren. Aber wir wollen die Neuansteckungen noch mal rasant minimieren. Weil wir hatten leider gerade im letzten Jahr, sind gerade die Zahlen rausgekommen, die der Bund veröffentlicht hat. Wir sind, glaub ich, bei 370 Neuansteckungen im Jahr in der Schweiz. Und wir waren davor bei knapp 300. Also es ist ein bisschen angestiegen. Und wir haben gemerkt, dass, wenn wir keine Präventionsarbeit mehr machen, dass es einfach wieder ansteigt. Weil die Leute dann so es geht, einfach ein bisschen vergessen und es ist einfach keine Diskussion mehr. Darum finde ich, es ist wichtig, dass man immer präsent, eigentlich auch wieder darüber redet. Damit die Leute einfach wieder sensibilisiert werden. #00:16:35
I: Fühlst du dich denn mit deiner Sexualität in den Medien repräsentiert?
B: Eh ja, es ist halt einfach ein Teil meiner Sexualität, halt der Fetisch. Der Fetisch ist ja auch irgendwie etwas, das dich ja auch sexuell anmacht. Ganz klar. Und ich denke schon, ja, wenn ich über HIV spreche, wenn ich über Homosexualität spreche und wenn ich über meinen Fetisch spreche, dass das ja, bin ich schon repräsentiert. Und ich denke ja, wenn ich auch in den sozialen Medien sehr offen darüber poste und darüber rede. Ich würde sagen, ich bin sehr aktiv. #00:16:28
I: Also, du arbeitest auch daran, dass es mehr Repräsentation gibt. #00:16:31
B: Genau. Weil ich denke, es ist eben sehr wichtig, dass man so wie ich im Vorfeld schon gesagt habe, wenn man schon Sex mach, dass man im Vorfeld miteinander spricht. Das finde ich sehr, sehr wichtig. Und eben auch, dass man einfach auch nach vorne steht und sich getraut, sich über dieses Thema auszulassen. Denn es gibt immer noch viele Leute, die sich einfach nicht getrauen. Das ist das genau Gleiche mit dem Coming-out. Im Prinzip ist das genau Gleiche, wenn ich nach vorne stehe und sage, dass ich HIV positiv bin. Oder eben auch nach vorne stehen und sagen, Depressionen zum Beispiel, mentale Probleme, Panikattacken, was auch immer andere Krankheiten. Ich hatte zum Beispiel selbst Krebs. Dass ich offen darüber sprechen kann und so ist es mit der Sexualität genau gleich. Wenn ich, je offener ich bin, desto mehr Leute kann ich dann motivieren, auch selbst offen darüber zu sprechen. #00:18:24
I: Das, was ich sehe von HIV positiven Menschen, ist immer sehr offen, sehr positiv. Eben zum Beispiel im Fernsehen, finde ich, ist es sehr gut dargestellt mittlerweile. Und du hast ja auch gesagt, auf den sozialen Medien ist es noch viel grösser, diese Repräsentation. Welche Ressourcen bestehen denn für Menschen, die vielleicht Angst haben, sich zu infizieren oder da sage ich vielleicht etwas Falsches, aber ich habe das Gefühl, in der queeren Community wird dieses Thema viel offener besprochen und wird viel mehr angesprochen. Welche Ressourcen bestehen dann dort, um sich zu informieren? #00:19:10
B: Eben ich denke, es gibt sehr viel, gerade im Internet gibt es viele Sachen, wo man sich informieren kann. Schon nur HIV eingeben, googeln und du hast Zigtausend verschiedene Sachen. Natürlich, die erste Stelle ist sicher die AIDS-Hilfe auf jeden Fall. Und die verlinkt auch verschiedene Sachen an oder bietet Verschiedenes an. Wo es nicht nur ums Thema HIV geht. Denke, dort hat man sicher die Möglichkeit. Und man kann auch zum Beispiel beim Checkpoint Bern, das ist ja auch dafür gemacht, dass man auch mal anonym dorthin gehen und über das Ganze reden kann, wenn man nicht so offen ist. Weil zum Beispiel auch es gibt Leute, die mit ihrem Hausarzt nicht darüber sprechen können und dann einfach lieber zum Checkpoint gehen, um darüber zu sprechen. Eben, ich denke, wenn man Hilfe braucht, dann bekommt man sie überall Hilfe. Man ist nirgends verloren. #00:20:10
I: Und hast du jetzt oder auch den sozialen Medien folgst du konkret auch Menschen, die du kennst oder Menschen, bei denen du weisst, dort kannst du zum Beispiel Informationen abholen? Du selbst hast natürlich megaviele Informationen. Aber wenn ich jetzt neu in dieser Community bin und ich möchte mich informieren, was sind so erste Anlaufpunkte, zum Beispiel auf Instagram oder auf Facebook? Wo kann ich da Informationen holen? #00:20:36
B: Ja, am besten Dr. Gay. Weil Dr. Gay ist auch auf Facebook und auf Insta ist eigentlich in allen sozialen Medien vertreten. Und das ist so ein Name, den vergisst man nicht so schnell wieder. Kann man natürlich den googeln und der hat ganz gute Sachen, auch zum Thema HIV und auch zur sexuellen Gesundheit im Allgemeinen. Der ist wirklich der Beste und wirklich noch alles andere, es hat jetzt keinen Sinn, jetzt da ganz viele Sachen aufzuzählen. Aber ich denke, AIDS-Hilfe auf jeden Fall und Dr. Gay, dann seit ihr schon recht gut abgedeckt, genau. #00:21:19
B: Nur was du vorhin noch gesagt hast. Ich möchte das noch kurz etwas ansprechen. In der Queeren Community, wo man ja eigentlich sensibilisiert sein sollte, weil man ja auch die meisten Informationen bekommt, gibt es immer noch Leute, die altbacken sind und noch auf dem Wissensstand sind von Ende der 90 ger Jahre, die zum Beispiel noch nichts von undetectable gehört haben oder so. Das ist manchmal wirklich frustrierend, wenn ich gerade im Chat zum Beispiel einem Dating Chat oder so eben Sachen höre, dass, wenn man HIV positiv ist, man immer noch ausgeschlossen wird. Dass da immer noch ein Stigma besteht. Und dass ist sehr traurig. Trotz dieser grossen Arbeit, die die AIDS-Hilfe und all die anderen Organisationen leisten, für die Präventionsarbeit. Dass es da immer noch Leute gibt, gerade in unseren eigenen Reihen, die andere ausschliessen. Und ja, immer noch nicht bereit sind, den Wandel unserer Zeit auch mitzumachen. Dass halt nicht mehr alles so ist wie vor 20 Jahren und dass sich das auch alles etwas verändert hat. Halt einfach auch mit der ganzen sexuellen Gesundheit im allgemeinen. Und ein bisschen ein Appell an alle: Denkt an euren Nächsten und versucht den zu respektieren und nicht immer gleich ein Vorurteil oder jemanden abzustempeln. #00:22:59
I: Ja, du hast im Vorgespräch schon gesagt, einerseits ist sehr viel hate im Netz, da, aber auch genauso Positives. #00:23:09
B: Ja, es haut auch sehr viel Positives. Wenn ich eben, ich bin manchmal erstaunt, wie offen die Leute eben noch sind. Aber es gibt eben wirklich auch das andere, wo Leute wirklich richtig fertiggemacht werden. Das geht einfach wirklich bis zur Sexualität. Ich weiss zum Beispiel von einem Puppy, das sind die mit den Hundemasken, das ist auch ein Fetisch, also im Fetischbereich. Und da wurde einer, ich glaube auch im Netz auch fertiggemacht, dass er sich umgebracht hat. Und ich meine, das ist tragisch, oder. Wenn man Leute in den sozialen Medien so dermassen fertigmacht, dass sie einfach keinen Lebensinhalt mehr sehen und sich dann irgendwie von uns allen verabschieden müssen. Das ist sehr traurig, dass es so weit kommt. #00:23:54
I: Was hast du jetzt, oder du hast selbst Erfahrung mit Depressionen oder hast an Depressionen gelitten. Was war da für dich eine grosse Ressource, um dir selbst zu helfen? #00:24:16
B: Also ich habe mir nicht nur selbst geholfen, in erster Linie brauchte ich die Hilfe von anderen ganz klar. Also professionelle Hilfe. Ich hatte auch Ärzte, die mich gut verstanden haben und mir fest geholfen haben. Und ich denke, dort ist es eben auch wichtig, ich getraue mich jetzt auch darüber zu sprechen. Ich hatte irgendwann das Gefühl, ich sei der einzige schwule Mann, der Depressionen hat. Und dann habe ich begonnen, darüber zu sprechen, habe mich einfach auch getraut, darüber zu sprechen und habe gemerkt, wie viele Leute in unserer Community wirklich auch Depressionen haben oder sonst auch mentale Probleme haben. Und dort ist es auch ja man muss einfach diese Hilfe auch annehmen, die man bekommt. Und man muss den Leuten auch sagen, dass man vielleicht auch Hilfe will. Und sich eben auch getrauen oder erstens, dass man die Hilfe sucht und sie dann auch annimmt. Es ist nicht immer einfach, weil eben am Anfang wusste ich nicht, wie soll ich damit umgehen, oder. Und ich denke, gerade bei Depressionen ist es sehr wichtig, dass man professionelle Hilfe hat am Anfang. Vielleicht mit Medikation, vielleicht auch versuchen, sich selbst über das zu setzen und damit man einfach besser damit umgehen kann. #00:25:34
I: Also auch wieder ein Tabu ansprechen oder. Also eben durch das Gespräch einerseits nach Hilfe fragen, Hilfe bekommen und einander gegenseitig unterstützen. Vielleicht in der Community zum Beispiel oder einfach im Umfeld, im näheren Umfeld, ja. #00:25:49
B: Also gerade zum Beispiel die Outreachwork, also wir von der AIDS-Hilfe, wir sind das recht sensibilisiert auf solche Themen. Wenn wir jetzt rausgehen an Partys und so, wenn wir sehen auch, dass jemand nicht gerade happy ist oder so in einer Ecke sitzt, dann versucht man schon etwas herauszufinden he, was ist bei dir denn nicht so gut. Und ihnen dort schon die Möglichkeit geben und sagen, he, was immer du hast, du darfst mit uns offen darüber sprechen. Und das ist eben auch wichtig, dass man diese Leute auch sieht und dass man ihnen auch Hilfe anbieten kann. Was sie dann schliesslich daraus machen, das ist jedem Menschen selbst überlassen. #00:26:30
I: Was würde viele allgemein, was würde viele über HIV und über AIDS und einfach über die ganze Community erstaunen? #00:26:50
B: Was würde sie erstaunen. Ich glaube, erstaunen würde es alle, wenn es kein AIDS mehr geben würde. Wenn man es heilen könnte, wenn es ein Medikament dafür geben würde. Auf jeden Fall, das würde sogar mich erstaunen. Weil, wir haben heute sehr, sehr gute Medikamente, ich denke, mein Partner, der 1991 gestorben ist, der musste irgendwie 18 Tabletten am Tag schlucken. Ich nehme jetzt nur noch eine Tablette am Tag. Medikamente sind so gut, fast keine Nebenwirkungen mehr. Man hatte früher wirklich extreme Nebenwirkungen von Fieber, Durchfall, das waren so die humanen Sachen und dann wirklich auch Schädigungen des Körpers sowie Organschädigungen wie die Niere kaputt und die Leber kaputt. Ein paar Medikamente haben auch das Herz angegriffen. Die sind heute besser, viel, einfach besser geworden. Das ist eigentlich wunderbar und die Zukunft zeigt uns auch, dass es noch mal einfach sein wird. Es gibt schon Medikamente, die man als Depot spritzen kann, alle zwei Monate und in Zukunft wird es wahrscheinlich auch ein Pflaster geben, welches den Wirkstoff abgeben wird. Oder ein Implantat, also die Zukunftsvisionen sind sehr, sehr schön, aber eben das HIV-Virus ist immer noch da und das schönste wäre eigentlich, wenn man es nach 40 Jahren einmal beenden könnte. #00:28:22
I: Mhh. #00:28:23
B: Und das andere, was halt einfach, was ich immer wieder sehe, ist, wenn die Leute, gerade wenn ich in Schulklassen gehe und die wirklich die Akzeptanz aufbringen für das, was ich ihnen erzähle. Und ich auch sehe das dort auch weniger Ängste damit in Verbindung sind und dass sie dann auch viel besser damit umgehen können. Und dass sie dadurch vielleicht auch Leute weniger ausgrenzen, als sie das sonst machen würden. Stigma gibt es eben leider, wie ich gesagt habe, immer noch über HIV-positive. Es gibt sogar in der Medizin heute immer noch solche, zum Beispiel gerade Zahnärzte oder vielleicht eher etwas ältere angesessene oder etwas konservative Ärzte, die sich nicht informieren wollen über die neuen Möglichkeiten, die s gibt und dementsprechend uns HIV-Positive immer noch so behandeln wie vor 20,30 Jahren und das ist eigentlich deprimierend. Das sollte einfach nicht mehr sein. Wie der Zahnarzt, der zu den Randzeiten aufbieten lässt, weil er sagt, mit dem Argument, ja, wir müssen danach alles besonders gut desinfizieren. Ich meine, ich habe die Zeiten erlebt, als ich in den 80 ger Jahren. Wenn ich zum Zahnarzt ging, im Wartezimmer war und dann war da ein Badetuch auf dem Stuhl und es hiess ich sollte da drauf hocken und dürfe ja nichts anfassen. Diese Zeiten haben wir zum Glück hinter uns. Aber es gibt wirklich Leute, die immer noch Vorurteile haben, zu grosse Vorurteile, einfach unberechtigte Vorurteile. #00:29:56
I: Sehr ja. #00:29:58
I: Du hast schon viele Sachen gesagt, die man verändern sollte oder über welche mehr gesprochen werden sollte. Gibt es noch etwas anderes, wovon du denkst, das sollte mehr angesprochen werden? #00:30:15
B: Boah (lacht) Also ja eben sexuelle Gesundheit im allgemeinen, denn wir haben ja die ganzen STIs die wieder hochgehen. Natürlich ist sicher auch PREP ein bisschen schuld, weil man dann halt unsafer Sex machen kann. Und man sich eigentlich nicht mehr anstecken kann. Aber eben da sind auch STIs, die wieder gross am Wachsen sind. Und ich denke, da ist es auch wichtig, dass man da wieder mehr aufpasst. Und ja, manchmal kann man es halt nicht verhindern. Man kann ja niemandem ansehen, dass der jetzt STIs in sich trägt und man sich da anstecken kann, oder. Ich denke, man kann schon auch vielleicht etwas vernünftiger mit der Sexualität umgehen und wieder vernünftiger die Sexualität ausleben. #00:31:09
I: In Zürich hat es anscheinend einen Checkpoint, wo man sich gratis testen lassen kann, bis 25. #00:31:14
B: Genau. Das ist, glaube ich. Ja, in Zürich ist das so und ich denke, das wird auch eine Zukunftsvision sein, dass es auch in der ganzen Schweiz so ist. #00:31:24
I: Ja, hoffentlich. Denn ansonsten kostet, oder als ich einen gemacht habe, hat es, glaube ich, 160 gekostet. Je nachdem, wenn man ja, also wenn man den Verdacht hat und ein Anzeichen hat für eine bestimmte Geschlechtskrankheit, dann kann man den Test gratis machen. Aber wenn man halt kein Anzeichen hat, spürt oder wahrnimmt, dann ja, dann kostet es megaviel. Und es wäre gerade wichtig, dass man auch ohne Anzeichen geht, oder. #00:31:49
B: Genau, und ich denke eben, wenn man so alle zwei, wenn man sehr aktiv ist im Sexleben, dass man halt einfach auch alle zwei Monate einen Test macht, auch alle STIs. Das ist zum Beispiel auch ein Vorteil, dass die Leute, die PrEP nehmen, in Verbringung mit PrEP in ärztlicher Untersuchung sein müssen, also alle drei Monate. Dass man auch HIV, STIs und alles wieder checkt, immer. Um zu schauen, wenn man schon ungeschützten Geschlechtsverkehr mach, dass man das wenigstens einigermassen im Rahmen halten kann. #00:32:24
I: Was möchtest du sonst noch ansprechen? #00:32:37
B: (Lacht) Ja, was möchte ich noch ansprechen? Ich denke ja, Sexualität ist im Grossen und Ganzen wirklich das A und O. Und dort finde ich es wichtig, das habe ich auch gelernt, was ich vorhin schon erzählt habe. Eben dass man offen mit einander von Anfang an reden kann und dass man nichts verheimlicht. Zum Beispiel eben, ich sehe das am meisten, wenn zum Beispiel einer positiv ist und der andere nicht und er getraut sich nicht, dem anderen das zu sagen. Danach geht er mit jemandem eine Beziehung eine und dann wird es immer komplizierter, je länger, dass man dann wartet und eigentlich dazu etwas sagen möchte. Denn dann kommen plötzlichen Lügen, Notlügen oder so. Und ja, man ist dann plötzlich in einer Situation drin, in der man nicht mehr rauskommt. Also manövriert sich in etwas hinein, was nicht sehr toll ist. Und darum finde ich es eben sehr, sehr wichtig, in jeder Art der Sexualität, dass man offen darüber spricht. Was ich sehr wichtig finde in der Sexualität ist, dass man nicht dazu drängt, etwas zu machen. Wir haben alle Rechte, auch in der Sexualität und es ist sehr wichtig, dass wir diese auch wahrnehmen und uns nicht bedrängen lassen. Zum Beispiel auch Frauen, die sich ebne, bedrängt fühlen, ungeschützten Geschlechtsverkehr zu machen, weil das gerade so verlangt wird und das vielleicht gerade Hype ist oder so. Und ja, ich kann ja aus dieser Erfahrung sprechen, die ich ja selbst gemacht habe. Wo ich ja eigentlich auch bedrängt wurde. Als ich mich infiziert habe mit diesem Typen. Und er wollte unbedingt ungeschützten Geschlechtsverkehr und damals hatte man eigentlich noch mehrheitlich ungeschützten Geschlechtsverkehr und das Kondom war eigentlich ein Verhütungsmittel damals. Und dann Ende der 80 ger Jahre hat man, dann hat die erste Präventionswelle angeschlagen, wo auch die meisten AIDS-Hilfen gegründet wurden. Wo man dann gesagt hat, hei mit dem Kondom kann man sich schützen. Und da war ich auch im Clinch. Ich hätte eigentlich eines brauchen wollen und er wollte nicht. Und dann habe ich mich bedrängen lassen. Bedrängen ist nie gut. Also man muss wirklich immer offen und ehrlich sagen, was man selber möchte. Gerade auch in der Sexualität. #00:34:56
I: Werner hat auch von Dr. Gay erzählt, ich habe euch den Link zum Instagram Kanal und zur Webseite in die Shownotes gepackt. Für weitere Fragen dürft ihr euch natürlich auch an die AIDS-Hilfe Bern wenden. Auf ihrer Webseite findet ihr viele Infos auch betreffend Tests, Checkpoints und vielem mehr. Schaut doch mal rein, vor allem, wenn ihr noch offene Fragen bezüglich HIV habt.
Ich danke nochmals Werner fürs Interview und der AIDS-Hilfe Bern für ihre Unterstützung. Das wars, mit der heutigen Folge Körperkontakte. Danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal. #00: 35:44
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